| Download > Texte > Enzyklopädie der Engel am Tag Null nach dem Vernichtungsschlag begannen die glühenden Stränge in jeder ihrer Zellen die Vereisung zu schmelzen. die Todgeweihten hatten in zerstörerischer Wut gegenseitig ihr Ende bereitet, so daß keine Macht mehr die Kälte der Verwaisung mit eisigem Hauch erhielt. als die Stille nunmehr vom rhythmischen Tropfen schmelzender Säure kündete, als die Verflüssigung ihren Hals über dem geöffneten Herzen freilegte, da schlug ihr Bewußtsein die Augen auf. Kein Licht existierte noch das ihre Augen hätte blenden können, doch unter den Lidern ihres gewandelten Geistes brach das Funkeln einer ungeahnten Kraft sich Bahn. in Sekunden sponnen ihre Zellen, ihre Organe zu retten, neue Haut über offene Wunden, verstoffwechselten geronnenes Blut zu purer Kraft. Ihr Antlitz wurde neu gewebt, dass die Säurespuren nicht nur ungeschehen, sondern ihre Züge tiefer und engelsgleich entstanden. unzählige milbengleiche Perlen ihrer Tiefe verzehrten die Asche ihrer nun nicht mehr benötigten Flügel. einzig ihr Herz, von genialer Perfidität mit tiefen Schnitten geöffnet und mit Stahlklammern dem Blick gefräßiger Lust ausgesetzt, blieb ungeschützt. in unbehelligter Tapferkeit legten sich diamantene Fasern vor die klaffende Schlucht ihres Selbst. von diesen Moment an sollte ein Jeder, dem sie entgegenkam, in grausigem Fegefeuer seine Größe erkennen, die er durch Liebe oder abgestumpfter Menschlichkeit in sich ermessen hatte. ihre Seele bot den scheidenden Spiegel eines jeden Mannes, sich selbst in unentrinnbarer Wahrheit zu erkennen. " Enzyklopädie der Engel" Einführungstext zum Kapitel "Entstehung von Erzengeln" von E. Linde 2001/2002 |